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Aziza Mustafa Zadeh – "Jazziza"

"Princess of Jazz"?

von Stefan Oldenburg, 1997


Aziza Mustafa Zadeh, Foto: Stefan Oldenburg

Foto: Stefan Oldenburg


Ihr Vater nannte sie "Jazziza". Die aserbaidschanische Komponistin, Pianistin und Sängerin Aziza Mustafa Zadeh nennt ihre jüngste CD ebenso und wartet auf mit einem mit Standards gespickten, reinen Jazzprogramm. Damit unterscheidet sich diese Scheibe von Azizas vier bisherigen Produktionen, auf denen sich überwiegend ihre eigenen Kompositionen finden, grundlegend. Nur ein Drittel der zwölf "Jazziza"-Stücke stammt aus Azizas Feder; zwei davon sind jazzig modifizierte Neueinspielungen, die auf ihrem genialen Debüt-Album von 1991 erstmals zu hören waren. Einem breiten Publikum sind Azizas Versionen einiger der hier präsentierten Werke von Großmeistern des Jazz auf ihren Konzerten übrigens schon zu Ohren gekommen.

Ist "Jazziza" also ein weiterer Schritt hin zum – der Mythenbildung förderlichen – Aziza-Titel "Princess of Jazz"? Die enorme Bandbreite Azizas stilistischen Spektrums umfaßt Einflüsse aus Jazz, Folklore und Klassik. Folkloristisches kommt diesmal weniger aus ihrer Heimat, sondern mit zwei Nummern des Bossa Nova-Altmeisters Antonio Carlos "Tom" Jobim aus Südamerika. Aziza badet mit Wonne in der Melancholie des Film-Titelsongs "Orfeu Negro" ("Black Orpheus") und interpretiert die ursprünglich swingenden Latino-Rythmen von "Insensatez" ("How intensitive") auf seltsam europäische Weise. Die vielen Aziza-Kompositionen eigene orientalische Ornamentik findet sich auf "Jazziza" nur in kleinen Portionen. Dafür findet sich um so mehr Blues in Stücken wie "You´ve changed" oder "Nature Boy". Oder schwärmerisch verträumte Barmusik ("My funny Valentine" im Duett mit Toots Thielemans). Wer Aziza-Typisches sucht, findet es am ehesten im von Aziza in Vollendung dargebotenen Scat-Gesang des Charlie Parker-Klassikers "Scrapple from the Apple", von dem mir - vom Original abgesehen - bislang nur eine Version ähnlich gut gefällt: jene von Helge Schneider auf "Guten Tach" (1992).

Seit 1989 erobert Aziza von ihrer Wahlheimat Mainz aus ein breites Publikum in ganz Europa. Man kann sich zwar rein kopfmäßig mit ihrer Musik beschäftigen, läßt dabei aber eine entscheidende Dimension und Begründung ihres Erfolges außer acht: Mit ihrer Intensität zielt Azizas Musik direkt auf die Herzen ihrer Zuhörer. Ihre Musik verzaubert, sie lädt zum Träumen ein. Oft kann es lange dauern, bis man wieder "entzaubert" ist, nachdem man sich von Azizas Musik hat fesseln und entführen lassen. Wer Aziza schon live erlebt hat, wird daher vielleicht ähnlich wie ich empfinden: Die Bühne ist ihr eigentliches Betätigungsfeld, weil sie ihre Musik bei jedem Konzert für ihr Publikum immer wieder neu entstehen läßt, erfindet, erleidet. Sie präsentiert keines ihrer Stücke zweimal gleich. Beim Pressen ihrer Musik auf Konserve kann hiervon viel verloren gehen. Azizas göttliche Musikalität, ihre Akrobatik auf 88 Tasten, ihr ausgefeilt-perfekter Gesang, ihr Improvisationstalent, kurz: ihre Begeisterung an der Musik, die sich auf ihr Publikum überträgt, all das findet sich auch auf "Jazziza". Allerdings anders als auch auf ihren vier vorhergehenden, stilistisch sehr unterschiedlichen Platten.

"Take Five" von Paul Desmond in der "Jazziza"-Version ist hierfür ein gutes Beispiel: Als ein Sahnestückchen im Zugaben-Set auf etlichen Konzerten gespielt, wird dieser - oftmals bis zum Erbrechen überstrapazierte - Jazz-Standard zur Spielwiese Azizas Improvisationstalents, wenn sie mit allen gezogenen Registern ihres unglaublichen Könnens leichtfertig zwischen verschiedenen Stilrichtungen pendelt und ihre Zuhörer etwa mit Beethoven- oder Bizet-Zitaten erheitert. Witz und Charme dieser Zugabe sind auf "Jazziza" in den Hintergrund getreten und lassen die Aufnahme irritierend überfrachtet wirken, was das Hören anstrengend machen kann. Die Perfektion und Endgültigkeit der Aufnahme verdecken das eigentlich Faszinierende an Azizas Musik, die nur mit Improvisationskunst eine lebendige Verknüpfung zwischen "ihren" Stilen schaffen kann. Das ist Jazz! Freilich ist das Spannungsverhältnis der beiden Pole "Einmaligkeit" und "Endgültigkeit" ein aufnahmeimmanentes Dilemma, das aber bei Azizas neuer CD besonders ins Gewicht fällt. Wünschenswert wären zukünfig mit den heutigen Möglichkeiten der Technik bearbeitete Live-Aufnahmen.

Zurück also zur eingangs gestellten Frage nach der "Princess of Jazz". Im Regal von Plattenläden sind sie mitunter Nachbarn: Zadeh und Zappa. Doch auch musikalisch ist es nicht weit hergeholt, einige Gemeinsamkeiten zu entdecken, welche die Musik Aziza Mustafa Zadehs und Frank Zappas zeitlos machen bzw. gemacht haben: Komplexität und Vielseitigkeit. In der Musik beider findet sich ein stilistisches Universum; beide sind bzw. waren nicht irgendwo festzunageln. Auch Aziza ist nicht stehen geblieben, seit ihr Stern strahlend hell aufgegangen ist. Die zukünftige Bahn läßt sich ähnlich ungenau bestimmen wie es bei Zappa der Fall war. Bei ihm wußte man ebenfalls nie, welche weiteren Überraschungen folgen würden, wenn eine Scheibe erst erschienen war. Und: Auch Zappa war ein Live-Musiker, der sich allerdings durch entsprechende – aufwendig und kunstvoll nachbehandelte – Aufnahmen verewigt hat. Wenn wir "Jazz" – mit Azizas Worten – "als eine der größten Kunstformen der Welt" beschreiben, dann vergessen wir wohl getrost den Marketing-Titel "Princess of Jazz", was allerdings nichts daran ändert, daß Aziza Mustafa Zadeh noch sehr viel – und mehr auch als "Jazziza" – erwarten läßt!

Stefan Oldenburg, 1997


Die bisherigen CDs von Aziza Mustafa Zadeh:

- "Aziza Mustafa Zadeh", 1991, Sony Music
- "Always", 1993, Sony Music
- "Dance of Fire", 1995, Sony Music
- "Seventh Truth", 1996, Sony Music
- "Jazziza", 1997, Sony Music
- "Inspiration - Colors & Reflections", 2000, Sony Music
- "Shamans", 2002, Decca
- "contrasts", 2006, Jazziza Records
- "contrasts II", 2007, Jazziza Records


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